Storygepeitscht oder Open World?

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Björn
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Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon Björn » Montag 23. Oktober 2017, 14:10

Aus dem Nord-Nerd-Forum:
Am Wochenende sprach ich mit Torben, der ja auch bereits seit knapp dreißig Jahren Spielleiter ist, über die verschiedenen Herangehensweisen, der Vorbereitung und Durchführung von Spielsitzungen. Da merkten wir, dass wir gänzlich andere Ansätze verfolgen.
Torben zum Beispiel, bei uns in der Conan-Runde als Spieler dabei, bereitet seine Abenteuer, meist aus Fertig- bzw. Kaufabenteuer bestehend, akribisch vor und plant alles bis in kleinste Detail. Ich hingegen stelle einen Handlungsrahmen, biete den Charakteren mehrere "Rote Fäden" (Plots) und lasse sie ansonsten in einer riesigen Sand-Box die Spielwelt erkunden; mit all ihren Besonderheiten. Ich nutze nie Kaufabenteuer.
Was hat nun den besseren Ansatz? Ich denke beide Varianten gehen in Ordnung und es ist im Endeffekt der Geschmack der Gruppe, der ausschlaggebend ist.

Meine persönliche Ansicht als Spieler:
Ich möchte Freiheit, und zwar so viel, dass sich der Spielleiter nicht mal mehr einen Plot ausdenken muss, da ich selbst für Abenteuerstoff sorge. Das bringen meine Charaktere meist ganz von alleine mit sich. Sie sind dann sehr lebhaft. Habe ich dann einen Spielleiter, der mich unbedingt in (s)einen Plot zwängen möchte und mich das auch noch spüren lässt, würde ich im besten Fall abwägen ob mich das interessiert und mitmachen und mich im schlimmsten Fall wahrscheinlich widersetzen. Das klingt nicht sehr nett, ist aber ehrlich. Das schlimmste Szenario überhaupt ist, mich merken zu lassen was für ein Plot da auf mich wartet. Am besten noch total aufgesetzt und transparent: "Der böse Magier BlaBlaBlubb will das Land unterjochen, ihr müsst ihn daran hindern" :mrgreen:
Natürlich muss man aber auch sagen, dass man sich als Spieler auf die Gruppe und auch auf das Rollenspiel in dieser einlassen muss. Dies ist ja ein stiller Vertrag. Damit bleibt eine gewisse Gruppendynamik nicht aus, da man sich ja auf ein Gruppenspiel einlässt. Ansonsten braucht man kein Pen&Paper-Rollenspiel betreiben. Zumindest nicht in der Gruppe.

Meine persönliche Ansicht als Spielleiter:
Ich biete meinen Spielern alle Freiheiten, zumindest versuche ich das. Sie sollen sich in einer von mir präsentierten Spielwelt wohl- und sich nicht durch einen durchscheinenden und aufgesetzt wirkenden Plot eingeengt fühlen. Die Welt wird mit Leben gefüllt; lebendige NSC und Beschreibungen von atmosphärischen Randgeschehnissen sind nur zwei Punkte. Bei Conan fällt es mir momentan sehr schwer, aber das habe ich bereits anderswo erwähnt. Meinen Spielern gebe ich dann meistens Anhaltspunkte um sie in ein Abenteuer zu stürzen, oftmals haben sie aber bereits selber schon genug vor, so dass ich ihre Ideen nur aufgreifen und sie dann ausarbeiten kann, was mir sehr entgegenkommt. Sicher ist das auch spielerabhängig. Es gibt ja genügend Spieler, die sich vom Spielleiter berieseln lassen wollen; die mag ich überhaupt nicht. Diese Spieler kann man dann eigentlich auch nur durch das Abenteuer "schleifen" und sie am Ende für Nichts mit Erfahrungspunkten belohnen.

Fakt ist: Ich mag gute Storys, aber nur, wenn die Story nicht lächerlich aufgesetzt wirkt und sich nicht in einem "Ihr-müsst-das-jetzt-aber-machen"-Muster aufbläht. Ich ziehe eine funktionierende Spielwelt in einer Sand-Box vor, aber dann auch nur, wenn ich die dementsprechenden Spieler dazu habe.

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KhornedBeef
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Re: Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon KhornedBeef » Montag 23. Oktober 2017, 15:10

Ich finde du hast gut dargelegt, was dir gefällt, und warum das so ist. Das ist der Optimalfall: Man weiß jeweils, woran bei Mitspielern und Leitung ist. Darum gibt es ja auch seit anno Uffzig zusammensitzende Gruppen, die sich überhaupt nicht mit Begriffen wie "Sandbox" "Railroading" "Player Empowerment" und so befassen müssen.
Und genauso gibt es Leute, die geschlossen wie die Hobbits in ihr erstes Rollenspiel reinstolpern und sich fragen wann es das zweite Frühstück. Deren Vorerfahrung aus Zwei Folgen Stranger Things, dem Jackson-HdR und einem Blogbeitrag über Wil Wheaton bestehen. Für die werden Kaufabenteuer geschrieben. Auch.
Generell hängt viel daran, ob man Erfahrung mit Rollenspiel, und der eigenen Gruppe hat, und ob man für ein Setting viele Ideen im Kopf hat. Je weniger man sich auskennt, desto mehr entfaltet ein Abenteuer ja einen Nutzen neben dem Aufhänger fürs Rollenspiel, und zwar dem einer Entdeckungsreise. Bei der man Leute etwas mehr an die Hand nehmen muss. Selbst der proaktivste Spieler steht auf dem Schlauch wenn du ihn fragst "Was werdet ihr in Gor-Akash, der weinenden Witwe der Sumpfstädte, als erstes tun" und er von dem Satz nur "Sumpf" verstanden hat. Und dann gibt es noch weniger proaktive Spieler, die Spaß an Herausforderungen haben, und an gutmütigen Wortgefechten, die aber gar nicht den Kurs frei bestimmen wollen.
Manche Spieler sind Boromir, manche Aragorn, manche Gimli&Legolas. Und manche sind Samweis.

Edit: Ach so: Persönlich bin ich nicht der große Fan von "Ihr seid in Bumshausen, und jetzt" und dann wird rumgeeiert und Barbie gespielt. Ich will einen Aspekt, der die Charaktere unweigerlich in irgendeine Form von voranschreitender Handlung verstrickt. Innerhalb dessen, und innerhalb des Plausiblen, nehme und honoriere ich Freiheit gerne.
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Re: Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon Seelenschmied » Montag 23. Oktober 2017, 16:37

Ich persönlich leite eigentlich ähnlich (gleich kann ich nicht sagen, habs ja noch nicht live erlebt). Eine große Welt, ich stelle die Rahmenbedingungen und die Charakter agieren dann. Ich nutze zwar auch mal das eine oder andere Kaufabenteuer, arbeite es aber für mich um so dass ich eigentlich nur die Rahmenhandlung und vlt. die NSCs benutze, aber den Rest nach Belieben umwandel, sprich als Ideenkiste. Aber hauptsächlich nutze ich die Ideen die mir einfach so in den Kopf kommen.

Die Spieler die ich habe wissen im Normalfall relativ schnell was sie erwartet und dann sortiert sich schnell aus wem das gefällt und wem nicht. Führt zum Start einer Gruppe zwar immer wieder zu Stress bei allen Beteiligten, denn auch wenn ich es sehr genau beschreibe wie ich leiten werde, schließen sich doch immer wieder Spieler an die meinen ich beriesele sie trotz anderslautender Ansage meinerseits und sind dann zutiefst enttäuscht. Nervt mich dann immer wieder, aber die Spieler, die das mögen und dann auch gewohnheitsmäßig lange dabei bleiben danken es mir um so mehr. Natürlich bleibt auch immer mal wieder ein Berieselter hängen, der wird dann aber her von den Spielführern der anderen Spieler berieselt. Einer meiner Berieselten in meiner Warcraft-Gruppe hat sich mittlerweile aber zu einem aktiveren Spieler gewandelt, was mich und die Gruppe imemr freut wenn er sich mal zu Wort meldet.

Ich persönlich bin auch kein Spieler der durch durchgeskriptete Abenteuer gezerrt werden mag. Ich mag es auch lieber Handlungsmöglichkeiten geboten zu bekommen und diese zu ergreifen oder zu ignorieren und mir dabei nebenher etwas für den Charakter aufzubauen. Nichts frustriert mich mehr als einem Abenteuer folgen zu müssen obwohl es eigentlich nicht mehr zum Charakter passt. Aussteigen ist dann immer eine Option, aber ich mag es nicht die anderen Spieler hängen zu lassen. Weitermachen klappt dann aber nur indem ich den Charakter verbiege. Genauso wenig gut. Den Charakterwechseln ist dann die beste Alternative, sofern es die Story und die SL zulässt.
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Re: Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon obaobaboss » Montag 23. Oktober 2017, 18:21

Ich leite zum größten Teil tatsächlich Kauf- oder Fanmade-Abenteuer. Das Gute an diesen ist ja, wie schon erwähnt, man muss sich nicht sklavisch dran halten (bzw. hat ja eh kein Kaufabenteuer alles abgeklärt, was den Spielern einfallen könnte).

Zur Zeit habe ich da eine sehr unkomplizierte Gruppe. Da sie noch nicht lange im Hobby sind und eher aus der Videospiel-Ecke kommen, folgen sie auch sehr brav den Quests und jeder irgendwo geäußerte Satz hat den Charakter einer möglichen Mission (etwa als ich mit ihnen letztens Schnutenbach gespielt habe. Die Erwähnung des Schwarzmagiers in seinem Turm hat für sie ausgereicht, dass sie den stürmen wollten. Ohne jetzt wirklich einen eigentlichen Grund dafür zu haben). Oft muss ich sie sogar erinnern, dass sie nicht das tun müssen, was ihr Arbeitgeber möchte.
Ich muss hier als Schwäche von mir nennen, dass ich oft wirklich Probleme habe, mit spontan neue Dinge auszudenken, da haben andere Spielleiter sicherlich mehr Talent. Ich brauche also vor jeder Runde tatsächlich eine gute Auswahl an Informationen und Details, die ich einbauen kann.

Bei starken vorgeschriebenen Abenteuern finde ich es immer ganz gut, wenn der Spielleiter einen auch schon einen passenden Charakter in die Hand drückt. Klar, damit fällt ein interessanter Teil des Hobbys weg, aber es gab damit echt gelungene Abende, wenn man nach und nach merkt, wie gut die Charaktere alle in die Geschichte von sich aus passen.
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Re: Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon Seelenschmied » Montag 23. Oktober 2017, 23:00

Vorbereiten tue ich allerdings auch sehr viel, auch für meine SandBoxWelten, denn gerade die NSCs die sie treffen können sollen ja auch etwas Fleisch auf den Knochen haben. Die Gegner sind in aller Regel auch vorbereitet. Auch Ortschaften sind zumindest ausgearbeitet dass die wichtigsten Persönlichkeiten vorbereitet sind.
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Re: Storygepeitscht oder Open World?

Beitragvon Bruenor » Dienstag 24. Oktober 2017, 09:14

obaobaboss hat geschrieben:Ich leite zum größten Teil tatsächlich Kauf- oder Fanmade-Abenteuer. Das Gute an diesen ist ja, wie schon erwähnt, man muss sich nicht sklavisch dran halten (bzw. hat ja eh kein Kaufabenteuer alles abgeklärt, was den Spielern einfallen könnte).


Ja, das trifft auch auf mich als Spielleiter zu. Ich brauche das als Grundlage um dann Sachen ergänzen bzw. weglassen zu können.

Als Spieler mag ich es eine schöne Story zu erleben, aus der man ingame Gründe hat, dieser zu folgen. Da muss ich dann nicht "abschweifen" und erlebe die Geschichte gerne. Einer spannenden Geschichte zu folgen und Railroading sind für mich wirklich zwei unterschiedliche Sachen.
"Umstände sollten niemals Grundsätze verändern." Oscar Wilde

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